Das Atelier auf Reise

Dort, wo meine Leinwand auf die Welt trifft

Es spielt in meinem Dasein als Künstlerin keine Rolle, wo der Pinsel die Leinwand berührt oder die Leinwand ihren Untergrund. Mein Atelier besitzt keine festen Mauern. Bilder nehmen in eigenen Rhythmen dort Gestalt an, wo ich meine Farben ausbreite – ob damals in der Enge eines Klinikzimmers, in der malerischen Weite der Natur oder heute mit idealen Lichtverhältnissen in meinem eigenen Atelier.

Es ist die Entscheidung, den Pinsel nicht erst dann in die Hand zu nehmen, wenn "alles passt", sondern mittendrin, wo das Leben passiert. An jedem Ort, an dem mich das Leben in seinen unzählbaren Farbkompositionen mit spannenden Lichtreflexen und Schattennuancierungen berührt und mir gerade etwas zuflüstern oder lebhaft erzählen möchte. Überall dort, wo ich bewusst innehalten und mich dafür öffnen möchte.

Hier, im Dialog mit der Natur, erfährt die Zeit durch die Kunst ihre eigene Veredelung. Der Wind, das Wasser und das stetig wandelnde Licht wirken in meinem Malprozess an der Staffelei oder wie hier oben an einer simplen Steinmauer auf besonders inspirierende Art und Weise mit.

Dieses Logbuch lädt dich dazu ein, mich auf meiner persönlichen "Malreise" durch das Leben zu begleiten und dich von meinem Erlebten und von meiner Interpretation auf die Leinwand entführen zu lassen.




Behauptung im Fließen

Wo das Außen fließt und die eigene Mitte zum Anker wird

Das Wasser ist ein erdender Raum von Weite und Freiheit, der mich trägt. In diesem fließenden Element wird Standfestigkeit zur reinen Willenssache – eine fokussierte Zentrierung gegen den Auftrieb, gegen das bloße Treibenlassen an der Oberfläche und das widerstandslose Mitschwimmen im Strom.

Die physische Form spiegelt meine innere Haltung: Die klare Entscheidung, mich nicht mitreißen zu lassen, sondern in der Eigendynamik des Wassers meine aufrechte Linie zu finden, zu halten und immer wieder neu zu suchen.




Ein Dialog mit der eigenen Positionierung, selbst wenn die Welt Kopf steht. Selbst dann, wenn die mich umgebende Energie an meiner Mitte zieht – und mein hergestelltes Gleichgewicht ins Wanken bringen mag. 



Lichtbaden


Ein Schritt nach innen.
Die Oberfläche bricht –
die Welt draußen ist aus.

Ich erlaube mir
zu versinken.
Es fühlt sich so leicht an,
fast schwerelos gleite ich hinein
in weiche, weite Farbwelten 
aus blaugrünem Smaragd.

Stille

Und doch tanzt hier das Leben.
Ein pulsierender Raum,
in dem die Zeit 
keine Bedeutung mehr hat.

Ich antworte mit einem neuen,
tiefen Atemzug,
lasse Farben und Lichtspiele
durch jede Faser hindurch
fließen.


Welt aus. Atelierlicht an.
Lichtbaden im Prozess.





Es gibt Momente, 

in denen Kunst nicht mehr 

nur Ausdruck ist, sondern 

ein endgültiger Bruch 

mit dem, was war.



Dieses Werk symbolisiert meinen persönlichen "Widerstand" gegen die Norm und gleichzeitig meine Rückkehr zu mir selbst. Es erzählt davon, dass Stärke oft anders entwickelt und spürbar wird, wo die vorgezeichneten Wege enden. Sie misst sich nicht an Abschlüssen und gesellschaftlichen Erwartungen, sondern in dem Mut, die eigene Aufrechte und die eigene Grenzlinie zu finden – und das immer wieder neu.



Ein Moment, in dem aus Aufbruch 

Standfestigkeit wird:


Wi(e)der im Stand



Die linke Seite birgt die massive Wucht dessen, was war. Der Schatten, der Druck und das Gefühl, in einem System gefangen zu sein, das meine Realität nicht abbilden konnte. Mit einer klaren, freihändigen Linie habe ich diese Grenze gezogen. Ein Abschied von alten Kämpfen.

Lange Zeit habe ich um einen Platz gerungen in einem System, das nur "Funktionieren" kennt und danach seinen Maßstab setzt; In einem Gefüge, das Grenzerfahrungen, chronische Erkrankungen oder die Komplexität eines Individuums schlicht nicht vorsieht.


Heute erkenne ich: Das blinde Funktionieren meint das Gegenteil von lebendigem Erschaffen.



Die zentrale, helle Silhouette ist die Visualisierung eines inneren Widerstands, der sich aus der Ohnmacht in die Aufrechte kämpft. Ich habe aufgehört, in einer Welt funktionieren zu wollen, die sich einmal komplett dreht, wenn ich mich nicht mehr in ihrem vorgefertigten Raster mitbewegen kann – und angefangen, mir eine Welt zu gestalten, in der ich vorkomme. 

Ohne Verbiegen.







Vom Atelier 

auf die Bühne




Fast mein halbes Leben lang waren diverse Kliniken mein Alltag. Ein Weg, der direkt nach dem Abitur seinen Anfang nehmen sollte – in genau dem Moment, in dem das Leben eigentlich durchstarten wollte. Mit meinen zwanzig Jahren ahnte ich noch nicht ansatzweise etwas von dem, was dann wirklich auf mich wartete.
Zum Glück nicht.
Der Koffer für ein FSJ in den USA stand schon an der Startlinie. Stattdessen lag ein Weg vor mir, der einen so langen Atem einforderte, dass ich immer wieder glaubte, er würde niemals ein Ende für mich finden.

Nach viel erlebter Ohnmacht und unzähligen Kämpfen in einem schematischen System, stehe ich heute hier, um dem Raum zu geben, was sonst still im Verborgenen bliebe.

Ich stehe auf – gegen ein Stigma, das uns Betroffenen die Mündigkeit und die Würde absprechen und uns unsichtbar machen will. Weil ich mich dafür entschieden habe, eine Stimme zu sein für Verbindung, Mitgefühl und Hoffnung, die die hochgezogenen Mauern aus Schweigen und jedes schnelle Abstempeln überwindet und zeigt: 

Du bist nicht allein. 
Wir sind es nicht.

Denn in unseren erlebten Geschichten liegt immer auch das Licht, das durch jeden Schatten hindurch leuchten kann.



Die Dunkelheit kann schnell in uns den Eindruck erwecken, dass es nie wieder hell wird. Sie ist imstande, 
uns unsere Hoffnung zu rauben. 
Vielleicht fangen wir an zu glauben, dass wir uns selbst in diese Lage gebracht haben. Dass wir es nicht anders verdienen.


Manchmal finden wir unser Licht im Dunkeln nicht. Wir irren umher und suchen verzweifelt, bis wir kraftlos am Wegesrand stehen. 

Uns verloren fühlen.

Es muss nicht immer das eine, 
große, lodernde Feuer sein, 
das für uns brennt. 
Oft sind es die vielen, scheinbar unbedeutenden Funken:
Ein Blick, der uns wirklich meint. 
Ein Wort von Herz zu Herz, 
das liebevoll spricht. 
Ein geteilter Augenblick der Stille.

Manchmal fühlen wir uns wie ein erloschenes Streichholz in der Dunkelheit.
Doch wenn wir uns trauen,
unser kleines Licht zu zeigen,
merken wir:

Wir sind viele.

Feuer, das man teilt, brennt länger. 

Es verbreitet sich und vertreibt Stück für Stück die Schwere der Dunkelheit.
Hören wir nicht auf, unser Licht 
an andere zu verschenken.
Denn am Ende ist es nicht 
die eine gewaltige Flamme, die 
die Welt verändert. 






Es ist die Summe
der vielen kleinen Feuer,
die gemeinsam ein Licht bilden,
das kraftvoll neben dem Schatten besteht – und nicht mehr erlischt.


Licht können wir alle sein. 
Für andere und für uns selbst.












SEHEN LERNEN
WAS HERVORGEHEN KANN
AUS ZERBROCHENEM
AUS EINEM RISS
VOLL UND GANZ
SICHTBAR GEWORDEN
DURCH FARBE AUS GOLD


SPÜREN LERNEN
WIE EINMALIG ES SEIN KANN
WENN IM UNVOLLKOMMENEN
WAHRE SCHÖNHEIT
ERKENNBAR WIRD


EINE SCHÖNHEIT
NICHT, WIE SIE GEWESEN IST
NICHT UNVERSEHRT
NICHT MAKELLOS
ZEIGT SIE DAS ZERBROCHENE
OHNE ZU KASCHIEREN
MUTIG IN GLANZ AUS GOLD





Blogeintrag 

über meine Pippi im Prozess

zum Dienstag, den 21.April 2026




In diesen Tagen entsteht in meinem Atelier ein neues Werk. Auf der Leinwand:
Pippi Langstrumpf. Doch während ich dabei bin, die Farben zu setzen, geht es um weit mehr als um freche, orange-rote Zöpfe und Sommersprossen.

Es geht um eine Geschichte, die zwei Menschen miteinander teilen. Eine Geschichte, in der man sich ohne viele Worte wiederfindet und versteht.



Über Pippi, Freiheit und den Mut, 

Mauern und Eisengitter zu "zerbröseln"


Es gab einen Moment des Innehaltens und des tiefen Erkennens, als ich an der Staffelei zwischen all den bunten Farbtuben saß, die Pippis Wesen in dieser Arbeit charakterstark zum Ausdruck bringen sollen. Ich tauschte mich an diesem Tag mit Julia aus – meiner Seelenverbündeten, mit der ich eine intensive Zeit an einem Ort teilen durfte, der uns Raum für Heilung und neue Perspektiven bot. Eine Begegnung sehr besonderer Art für mich, die nun nach fast zwei Jahren nicht verblasst ist, sondern durch Gespräche wie heute weiter vertieft wird.  

Im Gespräch von Dienstag, während ich mich morgens den leuchtenden Farbaufträgen für meine persönliche Interpretation Pippi Langstrumpfs widmete, stellte mir dieser Vertrauensmensch eine Frage, die den Kern meiner Arbeit an diesem Bild – und sicher auch ein Stück weit unsere gemeinsame Reise – genau traf: 


"Auf mich wirkt der linke, mittlere Teil wie Fenster mit Gitterstäben. Springt Pippi Langstrumpf zu diesem vergitterten Haus? Und wenn ja – warum?Hat sie die Kraft, die Stäbe rauszureißen?"



Sie hatte genau das gesehen, was im Hintergrund der Leinwand lauerte: Die Schatten der Vergangeneheit, die grauen und engen Strukturen. Die Hoffnungslosigkeit. Das triste Haus als das Lebenskonstrukt aus Fremderwartung ohne jeglichen bunten Farbanstrich. Nichts, was auch nur im Entferntesten an die Villa Kunterbunt erinnert.




Dass jemand mitten im Prozess mit einem neu entstehenden Werk so genau hinsah, mir diese Fragen stellte und sich aufrichtig damit auseinandersetzte, war ein Geschenk für mich – und für meine Kunst. Es ist das, was die Malerei in meinen Augen ausmacht: Wenn aus einem Blick auf die Leinwand ein echter Austausch entsteht. Wenn es zu Worten kommt, die wertvoll sind, die gut tun und die, wie an diesem Tag, auf beiden Seiten neue Inspiration entfachen.

Meine Antwort auf ihr interessiertes Nachhaken mündete in einem angeregten Wortwechsel und anschließend in einem anders geführten und klaren Pinselstrich auf der Leinwand vor mir. Sie lautete:


"Spannend, was du darin erkennst... Das 'vergitterte Haus' ist für mich das Symbol für alte, starre Strukturen, für das Triste und das vorgeformte bestehende System. Es kann alles sein, was klein machen und halten will. Pippi springt allerdings nicht zu diesem Haus – sie springt davon weg und bricht es im Vorbeigehen auf. Sie reißt die Stäbe nicht einzeln raus, sondern sie lässt sie durch ihre bloße Energie und Freude einfach 'zerbröseln' und auflösen. Pippi nimmt das schwarzgraue Konstrukt zur Kenntnis, aber sie nimmt es nicht ernst.








Tristes Grau und Schwarz macht hier Platz für Farbe und Freiheit. In dem Gebäude befindet sich nichts mehr und ihm wohnt nun auch keine übergeordnete Bedeutung mehr bei. Es ist die leere Hülle einer Zeit, die ich hinter mir gelassen habe."



Im weiteren Austausch mit meiner Julia verinnerlichte ich eines wieder neu: Das Vertrauen kommt erst beim Springen. Und am Ende wird es dazu, was uns auf der anderen Seite nach dem mutigen Sprung erwartet. Das Vertrauen in sich selbst.
Mit der Gewissheit, alles dafür in sich zu tragen.

Pippi wartet nicht, bis sie sich sicher fühlt. Sie nutzt ihre Entschlossenheit, ihren eigenen Kopf und ihre Leichtigkeit als Kraftquelle und als Antwort an das Leben – so wie es gerade spielt. Sie wagt den Sprung, um auf ihre Art weiterzugehen.
Für uns beide war in diesem Gespräch über mein wachsendes Kunstwerk klar: Es geht hierbei nicht nur um eine beliebte Figur auf einer Leinwand oder darum, sie schön nachzustellen oder zu inszenieren. Die Bedeutung für uns geht sehr viel tiefer. Auch im Bezug auf die Zeiten, die jede von uns beiden auf ganz eigene, aber auch auf ähnliche Art hinter sich gebracht hat. Es erzählt von einem unbändigen Sprung in die eigene Freiheit. Von dadurch ausgelösten Emotionen. Von sprühender Lebendigkeit. Mit einer Selbstverständlichkeit, wie Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter Langstrumpf sie uns so wunderbar eigensinnig und kompromisslos in Astrid Lindgrens Werken vorlebt.




Danke Rebellin Pippi und danke Vertrauensmensch Julia.




künstlerische Prozesse



Das Atelier auf Reise ist ein lebendiger Ort. 

Wie meine Arbeit direkt am Kunstwerk, wächst auch diese Seite im Rhythmus des Entstehens – Bild für Bild, Gedanke für Gedanke.