ZYKLEN DER VERWANDLUNG
über das Aufbrechen & Veredeln
Eine Werkreihe von JMos
Goldener Bruch
die Schönheit der Unvollkommenheit
und der wertvolle Wendepunkt
Zuerst ist da der Schmerz. Das Zerbrochene, die Scherben, das Festhalten an Vergänglichem. Die Reue und der damit verbundene Wunsch, etwas ungeschehen zu machen – den entstandenen Bruch mit allen Mitteln rückgängig machen zu wollen.
Oftmals geht dies in einen inneren Drang über, so lange an den Bruchstücken und Rissstellen zu kleben, zu feilen und zu polieren, bis das bisherige, gewohnte und scheinbar perfekte Bild vor diesem Bruch wiederhergestellt werden kann.
Unversehrtheit als DAS Ziel.
Bis ich einsehen muss: Das gewohnte Bild lässt sich nicht wieder zusammenkleben. Die glatt polierte Oberfläche war eine Illusion – nicht das Leben in seinem Wandel und mit seinen Brüchen.
Und genau hier, inmitten der Trümmer, braucht es meine bewusste Entscheidung:
Bleibe ich im Verlust der Scherben stehen oder wähle ich den Mut und gehe weiter?
Ich entscheide mich für den Mut. Für den Wechsel der Blickrichtung.
Inspiriert von der japanischen Kintsugi-Philosophie höre ich auf zu kaschieren. Ich fange an, die Risse bewusst mit flüssiger Farbe zu betonen. Dabei wandert mein Blick weg vom schmerzvollen Verlust und der ungewollten Veränderung hin zur Bereicherung des wachsenden Mosaiks. Es meint die tiefe Annahme der eigenen Ecken und Kanten, die das Gesamtbild im Grunde erst ausmachen.
Die dem Leben eine Schönheit verleihen, die hier neu hinzukommt:
Schönheit in ihrer echten Unvollkommenheit, die in sich so vollkommen ist, wie sie nie zuvor gewesen ist.
Am oberen Bildrand bricht sich der eigentliche Gewinn Bahn: Eine eigene, neu entstehende Welt. Eine Lebensweise, die erzählt, dass die Summe aller Teile – mit jeder einzelnen Unebenheit – im Gesamten eine viel tiefere, wahrhaftigere Vollkommenheit erlangt, als die unversehrte und makellose Hülle es je konnte.
Ganz im Kern
der unzerstörbare Kern & seine Lebenskraft
und das Ankommen im eigenen Sein
In sich geschützt existiert eine unberührbare Mitte – ein innerer Kern, der in der Lage dazu ist, jede Erschütterung und jeden Bruch im Leben zu überdauern. Selbst wenn er phasenweise nur schwach flimmert oder vor lauter Taubheit nicht da zu sein scheint: Er bleibt.
Ganz.
Es ist die andauernde Ansage einer Optimierungsgesellschaft, die uns im permanent vorgegebenen Takt von "höher, schneller, weiter" anpassen und reparieren will. Ein Gefüge, das Taubheit und Gefühle von Leere hinterlassen kann. Es entfremdet uns, bis wir den eigenen inneren Kern und das energievolle Leuchten nicht mehr spüren.
Dieses gemalte Werk schaut bewusst nicht auf die Defizite. Es lenkt den Fokus auf die Ganzheit, die immer da war – und ist. Auf jene Anteile im Inneren, die voller Kraft und Leben stecken und die nicht länger vom Schatten und den dunklen Farbnuancen überlagert werden wollen.
Parallel dazu führt sich fort, was als Bruch begann. Das kleine Mosaik im Bild fügt sich weiter zusammen als ein lebenslanger, organischer Prozess. Das Gold an dieser Stelle steht für das kostbare Fundament. Die Essenz der gesammelten Schätze und Ressourcen, die an einem sicheren Ort im Organ aufbewahrt wird und nicht mehr verloren gehen kann.
Der Akt der Befreiung: Das Innere öffnet sich nach außen und das eigene Licht fängt frei an zu leuchten. Ein autonomes Leuchten, das seine ganz eigene Intensität beansprucht – losgelöst von der Furcht, das starre Maß einer normierten Welt damit zu sprengen.
Es bahnt sich seinen Weg durch limitierende Grenzen hindurch. Es geht über die Grenzen einer Welt hinaus, die mit Schablonen arbeitet und diese eisern im Blick behält.
Blitzartig und wie ein reinigendes Gewitter sind die Linien in weiß weniger dazu da, um zu veredeln. Kein bloßes Sichtbarwerden, sondern die pure Kraft, die aus den Brüchen geboren und mit der Zeit gewachsen ist. Dicht wattierter Nebel, der gelichtet wird und der neuen Klarheit weicht.
Darin liegt die Kraft der weißen Linien.
Mitten im Herzen strahlt jetzt ein ungezähmtes, kraftvolles Leuchten aus dem dunklen Gewebe hervor. Der eigene Puls, der neu erwacht, seinen persönlichen Rhythmus schlägt und sich nicht länger in seiner Energie und Lebendigkeit aufhalten lässt.
Reife Blüte
Dieses Werk blüht im Juni auf
und wird hier zum Ausstellungsstart am 18.06.2026 sichtbar.
Der Ursprung hinter den Linien
Jedes Leben hinterlässt Spuren. Risse, Brüche und jene Momente, in denen das vertraute Gefüge in sich zusammenbricht und uns in Scherben zurücklässt. Doch nur dort, wo etwas (auf-)bricht, kann Neues beginnen zu wachsen.
Die Werkreihe "Zyklen der Verwandlung" ist eine visuelle Emanzipation.
Inspiriert von der traditionellen Kintsugi-Philosophie, die entstandenen Bruchstellen im Porzellan nicht zu verstecken, entwickelt meine abstrakte Kunstform daraus eine eigene Geschichte. Eine Geschichte, die weniger an zerbrochenes Porzellan erinnert, sondern vielmehr an die unbändige, lebendige Kraft und an das Wachstum, das durch den Riss überhaupt erst möglich wird.
Eine tiefe Weisheit, die in unseren eigenen Narben liegt und die nicht das Ende, sondern erst einen Anfang markiert.
Während das traditionelle Kintsugi den Bruch konsequent mit Gold fixiert, legt meine Kunst sich nicht fest: Die Linien, die diese Risse sichtbar machen, müssen bei mir nicht in goldener Farbe glänzen, um "gültig" zu sein. Sie dürfen sich genauso in all den matten, rohen und bunten Nuancen und Facetten zeigen, die das Leben in seiner ganz individuellen Fülle bereithält.
Meine abstrakte Kunst verlässt neben dem Farbschema ebenfalls die Grenzen der bekannten Kintsugi Form. Wo eben noch leblose Materie in Form von Porzellan wie einer Vase oder Schale war, brechen auf der Leinwand neue Strukturen in ihrer wachen Lebendigkeit auf, was sich beispielsweise in ein organisches, pulsierendes Herz wandelt, das schlägt, fühlt, und sich im Zerbrochenen erst neu aufbaut und kraftvoller denn je weiterschlägt.